THEATER IN ZEITEN DES ÖKOZID

Keine Emotion beraubt den Geist so vollständig von seinen Möglichkeiten zu handeln und zu denken wie die Angst. (Edmund Burke)

Und heute ist sie da, die Angst, denn die Zeichen für den Klimawandel und fortschreitenden Ökozid sind allgegenwärtig und nicht mehr zu leugnen.


Die Hintergründe für diese globale Krise sind offenkundig: Haben wir doch zum einen den Menschen zum „Herrscher und Besitzer der Natur“ (René Descartes) gekrönt und zum anderen eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung entwickelt, die unser Leben, Denken und Handeln dem Streben nach Kapital und dem Zwang nach unendlichem, wirtschaftlichen Wachstum unterwirft.


Unendliches Wachstum? Auf einem Planeten? Mit endlichen Ressourcen?


Diese Gleichung kann nicht aufgehen! Doch keine Angst, Wirtschaftsexpert*innen zufolge gibt es einen Ausweg, vielleicht den einzigen Ausweg, der humanistisches Maß hat: Das Wachstum muss verschwinden oder, anders formuliert, der dynamisch wachsende Kapitalismus muss durch einen bewusst herbeigeführten Mangel in eine statische Kreislaufwirtschaft transformiert werden.


Das ist die Vision. Doch zwischen dem Status Quo und dieser Vision klafft eine große Lücke und die weitaus größere Frage: Wie soll das gehen?


Wie kann ein historisch und kulturell tief verwurzeltes, global verflochtenes und vielschichtiges System durch einen Mangel verändert werden, ohne wirtschaftliche und soziale Krisen zu verursachen?


Wie kann dieser Mangel, der im Kern auf einem kollektiven Verzicht und damit auf einem neuen gesellschaftlichen Verständnis beruhen muss, gerecht verteilt werden, ohne soziale Missstände oder gar Bürgerkriege nach sich zu ziehen?


Wie kann dieses neue gesellschaftliche Verständnis vermittelt, gefördert und erlernt werden, ohne Ängste zu schüren, die – wie uns die Geschichtsschreibung lehrt – oft den Nährboden für totalitäre Ideen bereiten?


Dies sind die Fragen unserer Zeit, wie sie u. a. im Ecosalon auf der Theaterplattform nachtkritik.de gestellt wurden. Und dies sind die Herausforderungen, denen wir uns zukünftig stellen müssen und die deutlich umreißen, welche neue gesellschaftliche Verantwortung auch den Theatern, den Autor*innen, den Künstler*innen und den Theaterschaffenden künftig zukommen wird.


Eine Verantwortung, die nicht mehr nur darin bestehen kann, mahnende Schreckbilder einer apokalyptischen Zukunft zu zeichnen, derer wir uns längst gewahr sind, die uns verängstigt, die uns lähmt. Vielmehr sollten wir danach streben, neue Narrative und auch Praktiken zu entwickeln, die diesen Wandel erproben und befeuern. Geschichten, die uns ermutigen, den notwendigen Verzicht als eine Möglichkeit der Freiheit zu begreifen, um gemeinsam die gewaltige Lücke zwischen Gegenwart und Zukunft zu schließen. Geschichten, die uns unsere Ängste nehmen, die uns beherzt denken lassen und zu mutigem Handeln inspirieren.


Im März 2021 startete am Schauspielhaus Graz das Pilotprojekt DAS GRÜNE THEATER. Auf Initiative der Theaterleitung und in Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiter*innen und der Unternehmensberatung ecoversum haben wir begonnen, das Schauspielhaus und unsere Theaterarbeit im Sinne der Nachhaltigkeit zu durchleuchten und verstärkt Maßnahmen zu setzen, die wir in Kürze auf unserer Website vorstellen und hier auch zukünftig mit euch teilen möchten.


Unsere Bemühungen zeigen aber auch, dass sich das Konzept der Nachhaltigkeit weit über die Themenkreise der Ökologie, des Umwelt- und Klimaschutzes und der Ressourcenschonung erstreckt und dass wir erheblich mehr leisten müssen, als ein paar wohlgesetzte infrastrukturelle Maßnahmen.


Denn so wie die Gesellschaft im Großen haben auch die Theater als Gesellschaft im Kleinen mit der Idee der künstlerischen Freiheit eine ganz eigene Begründung dafür geschaffen, die Verschwendung, Übermaß und Verantwortungslosigkeit, aber auch starre hierarchische Machtstrukturen, soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheiten rechtfertigt. Es wird also nicht reichen, dass wir nur die Geschichten ändern, die wir euch freudig allabendlich auf unseren Bühnen präsentieren. Auch wir müssen uns ändern, Verzicht lernen und neue Strukturen schaffen.


Diesen Herausforderungen möchten wir uns stellen!


Lasst uns gemeinsam denken, gemeinsam handeln – angstfrei!


Frank & Lukas
DAS GRÜNE THEATER